Die Finanzkrise dauert bereits eine ganze Weile an und schien zwischenzeitlich ausgestanden. Ist sie aber offensichtlich noch nicht. Ausgangspunkt ist bekanntlich die Immobilienblase in den USA, wo zu viele faule Kredite gesprochen worden sind. Speziell daran ist, dass diese Hypokredite verbrieft und neu verpackt wieder auf den Markt gelangten, mit der löblichen Absicht, so die Risiken breiter zu streuen. Entgegen dieser Absicht sind die meisten dieser Derivate jedoch wieder in den Büchern der Banken gelandet, die auf diese Weise stark «geleveragtes» Wachstum forcierten. Die Folgen kennen wir. Besonders hart erwischt hat es dabei die schweizerische UBS. Die Versicherungswirtschaft war direkt viel weniger betroffen, weil hier die Anlagerichtlinien doch viel enger und strenger gezogen sind. Aber auch hier sind Kapital- und Vertrauensverluste mit der Zeit unvermeidlich geworden, nicht zuletzt weil gewisse Anlagevehikel, die gestern noch als praktisch risikolos galten, plötzlich Wertberichtigungen erfordern, weil die entsprechenden Märkte zumindest vorübergehend verschwunden sind. Die sogenannten marktnahen Bewertungsvorschriften bei der Rechnungslegung und die jährlich zu erfüllenden Solvenzverpflichtungen führen zudem gerade in der Versicherungsbranche zu einem unheilvollen Effekt der prozyklischen Selbstverstärkung.

Mittelfristig bereiten die Vorsorgemärkte jedoch auch im Hinblick auf die demografische und politische Entwicklung einige Sorgen. Die individuelle Kapitaldeckung der Zweiten Säule wird so immer stärker in Richtung einer intergenerativen Umverteilung mit Umlagekomponenten unterlaufen. Es entstehen so zum Teil nur virtuelle Privatvermögen bei den Beitragspflichtigen, die in ihrer Verfügbarkeit stark eingeschränkt sind und zu einer Substitution von echtem privaten Sparen führen.

Neben diesen kurz- und mittelfristigen Trends in den Kapitalmärkten einerseits und der Verpolitisierung durch staatliche Regulierungseingriffe (z.B. bei Mindestverzinsung, Umwandlungssatz oder Solvenznachweis) andererseits führen auch technologische Innovationen im Bereich von IT, Data-Mining und anderen informationsökonomischen Fortschritten zu Veränderungen des strategischen Verhaltens von Kunden und Versicherungsanbietern. Letztere versuchen, die individuellen Schadensrisiken besser zu erfassen und so die Prämien individuell risikogerecht zu gestalten, was zu Spannungen mit dem Risikoausgleich innerhalb von Gruppen oder gar der Gesamtheit der Versicherten führt und wiederum die Politik auf den Plan ruft: diesmal um die (vermeintliche) Entsolidarisierung zu verhindern.

Alles in allem steht die Versicherungsbranche mitten in der Phase von strukturellen Umbrüchen, die ganz neue Herausforderungen aber auch ganz neue Chancen eröffnen.

Ich freue mich auf Ihre Teilnahme am «Insurance Forum 2008».

Ihr

Silvio Borner
Wirtschaftswissenschaftliches Zentrum
Universität Basel